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Keine Toleranz für Intoleranz „Weckruf mit Widerhall“  –  von Leslie Mandoki

Tutzing, Starnberger See.

Als ehemaliger illegaler Einwanderer, der in seinem Geburtsland als musikalischer Rebell von der Diktatur verfolgt wurde und hier in Deutschland politisches Asyl bekam, wurde ich 1980 stolzer Bürger unserer „Bunten Republik“, wie mein Freund Udo Lindenberg unser Land definiert. Als ich dann erstmals meinen deutschen Pass in Händen hielt, wurde mir klar, dass ich ab jetzt nicht nur emotional, sondern auch de jure Verantwortung trage würde – auch für die deutsche Vergangenheit. Ich bin Staatsbürger geworden, weil ich mich in dieses Land, seine Kultur, seinen Wertekanon und in die Menschen mit ihrer Mentalität verliebt habe. Ich war der tiefen Überzeugung, dass es in einem derart geläuterten Land, meinem geliebten Deutschland mit seiner Erinnerungskultur niemals wieder notwendig sein würde, die Mahnung „Wehret den Anfängen“ im Zusammenhang mit Antisemitismus ausrufen zu müssen. Umso lauter formte sich dieser Satz nun in mir bei der umstrittenen Verleihung des Echo an Kollegah und Farid Bang ausgerechnet am Tag des Holocaust Gedenkens mit brachialer Lautstärke: „Wehret den Anfängen!“.

Die Deutsche Phono-Akademie des Bundesverbandes Musikindustrie, dessen Mitglied ich für Musikproduzente bin bin, verleiht seit 1992 den Deutschen Musikpreis ECHO. Seither habe ich als Jurymitglied an jeder Verleihung teilgenommen. Somit fühle ich mich auch seit vielen Jahren dieser Musikpreisverleihung verbunden, durch die nun beschämenderweise vergangene Woche Künstler mit antisemitischen, frauenfeindlichen, gewaltverherrlichenden, homophoben Hasstexten für ihre enormen Erfolge ausgezeichnet wurden. Aber Musik ist immer ein Abbild der Gesellschaft und in Zeiten von Echokammern, Filterblasen und alternativen Fakten müssen wir musikalischen Rebellen als Teil der kosmopolitischen Elite aus Verantwortung wieder lauter werden! Waren wir von unserem bildungsaristokratischen Elfenbeinturm aus nicht geradezu besoffen von der Begeisterung über unsere edle Haltung der Weltoffenheit, die wir so narzistisch zur Schau gestellt haben? Selbstgefällig prahlten wir mit unserer Toleranz und haben dabei Räume geschaffen für Intoleranz.

Wir sind ein Einwanderungsland, jeder Fünfte hierzulande hat einen Migrationshintergrund und inzwischen erleben wir Antisemitismus auch in Schulen etwa in Brennpunkt-Gegenden unserer Hauptstadt ähnlich wie in bestimmten Stadtteilen von Brüssel oder Paris, wo sich Juden kaum mit einer Kippa auf die Straße trauen. Wir haben offensichtlich vermeintliche kosmopolitische Weltgewandtheit für wichtiger erachtet als Prinzipientreue, Verteidigung unseres lebens- und liebenswerten Wertekanons. Die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, dürfte sich in dieser Form eigentlich gar nicht stellen. Wir sind ein säkulärer Staat mit absoluter Religionsfreiheit. Die im Grundgesetz verankerten Grundrechte sind für Jedermann verständlich nachzulesen und auch, dass die freie Entfaltung der Persönlichkeit dort an ihre Grenzen stößt, wo sie die Rechte anderer verletzt. In einer so weit entwickelten Gesellschaft sind Religion wie auch sexuelle Orientierung geschützte persönliche Privatsphäre und keine Frage der öffentlichen Wahrnehmung. Aber es kann nicht zu Deutschland gehören, Kinder zu verheiraten, die Gleichberechtigung der Frauen in Frage zu stellen, Homophobie, Rassismus oder Antisemitismus zu schüren.

Und als wir dann so selbstgefällig, hochmütig und berauscht waren von unserer eigenen Güte, die Geflüchteten zu Recht aufzunehmen, haben wir versäumt, etwas für ihre nachhaltige Integration sehr Wichtiges zu tun. Nämlich, ihnen neben unserem Willkommensgruß auch unseren wertvollen Wertekanon und dessen Verbindlichkeit für unsere Gesellschaft nahezubringen und zu vermitteln. So entstand ein diffuses Gefühl, wonach unsere Werte, die sich nach den singulären Verbrechen der Nazis herauskristallisiert und durch unser Grundgesetz festgeschrieben sind, in irgendeiner Form zur individuellen Disposition stehen könnten. Und genau da werden jetzt die Rapper Kollegah und Farid Bang mit einem Preis ausgezeichnet trotz ihrer Verbal-Angriffe auf unseren Wertekanon.

Wir alle müssen jetzt Konsequenzen ziehen und gesellschaftliche Verantwortung leben.

Danke, Campino, und alle anderen Künstler, die jetzt auch ihre Stimmen erheben. Wir wissen, verbalisierter, vertonter Antisemitismus ist durch Kunstfreiheit, Jugendkultur oder sonstigen ethisch-moralisch unhaltbare Verniedlichungen nicht zu rechtfertigen. Mit dem Statement meines Freundes Peter Maffay bin ich absolut im Konsens und habe tiefstes Verständnis für meinen Kollegen Klaus Voormann, mit dem ich immer wieder zusammenarbeiten durfte, dass er seinen Echo zurückschicken möchte.

Dieser ECHO – Eklat gibt eine grauenvolle gesellschaftliche Verschiebung wieder. Dass nach der Show Farid Bang am Mikrofon für seine antisemitischen, frauenfeindlichen, homophoben Hasszeilen abgefeiert wurde und das Partyvolk ausgelassen dazu tanzte, zeichnete ein bedrohliches Bild. Antisemitischer Hass ist wieder salonfähig geworden ist. Wir müssen jetzt alle gemeinsam aufstehen und den Anfängen wehren.

Was bei dem ECHO geschehen ist, ist auch ein Spiegel unserer Gesellschaft und dafür tragen wir alle miteinander Verantwortung. Wir müssen offen diskutieren und uns damit auseinandersetzen.

Gerne lade ich die beiden Herren zu mir ins Studio nach Bayern ein, um von Musiker zu Musiker zu diskutieren, was Kunst darf und wo die Grenzen unmissverständlich überschritten sind.

In meiner geliebten „Bunten Republik“ Deutschland muss sich jeder Verfolgte, der zu uns geflohen ist, ebenso wohl und sicher fühlen dürfen, wie ein jüdisches Kind, das in Berlin mit einer Kippa in die Schule geht, weil in unserer Gesellschaft für Frauenfeindlichkeit, Homophobie oder Antisemitismus kein Platz ist.

Deshalb kann unser Credo nur lauten: „Keine Toleranz für Intoleranz!“

 


 

No Tolerance for Intolerance “Wake up call with reverberation”  –  from Leslie Mandoki

Tutzing, Lake Starnberg.

As former illegal immigrant, that fled from dictatorship in his country of birth as musical rebel and received political asylum here in Germany, in 1980 I became a proud citizen of our “Colourful Republic”, as my friend Udo Lindenberg defines our country. When I held my German passport in my hands for the first time, it became clear to me that, from now on, I do not only have emotional but also de jure responsibility – also for the German history. I became a citizen because I fell in love with this country, its culture, its values and its people and their mentality. I had the firm conviction, that in such a refined country, my beloved Germany with its commemorative culture, it would never be necessary again to remind us of “beware the beginnings!” with regards to antisemitism. Even more so, I feel the urge to call out this sentence in the wake of the recent controversial ECHO award reception of Kollegah and Farid Bang, especially on the day of remembrance of the holocaust of all days. “Beware the beginnings!”

The German Phono Academy of the BVMI, which I am part of, grants the German ECHO Music award since 1992. Ever since then, I took part in every event as a member of the jury for music producers. So, for many years, I feel connected to this event that, last week, embarrassingly rewarded two artists with antisemitic, misogynistic, violence glorifying, homophobic, hatred loving lyrics for their tremendous success. But music is always a mirror of society and in times of echo chambers, filter bubbles and alternative facts us musical rebels have to feel the responsibility to become louder as part of the cosmopolitan elite. Did we not feel drunk of enthusiasm for our open mindedness towards the world that we so narcissistically presented from our ivory towers of aristocratic education. Complacently, we boasted about our noble attitude of tolerance and while doing so, we created space for intolerance.

We are a country of immigrants, every fifth German has a migration background and in the meantime we experience heavy antisemitism even in schools in the hot spots of our capitol, much like many city quarters of Brussels or Paris, where jews do not dare anymore to leave the house wearing a Kippa. We obviously mistaken cosmopolitan savoir-vivre as more important than faithfulness to and the defence of our values. The question if Islam belongs to Germany or not shouldn’t even become relevant. We are a secular state with absolut freedom of religion. The basic rights of our society are written down for every one to read up, but they also define where the free development of oneself meets its limitations, namely when you start imposing on the rights of others. In such a highly developed society, religion and sexual orientation are part of our protected individual privacy but they are not part of social perception. It can never be part of Germany to marry children, to question emancipation, or to fuel homophobia, racism or antisemitism.

And when we were self-satisfied, arrogant and intoxicated with our kindness to rightfully help and accept the refugees, we forgot one essential part of integration: To convey our values and the responsibilities we face as a society trying to uphold these values. This created a diffuse feeling, that our values, which were defined after the singular crimes of the nazis and were written down in our constitution, somehow could leave room for interpretation. And now rappers Kollegah and Farid Bang are rewarded with a price, despite their verbal attacks on our values. We all have to face the consequences and start acting upon our responsibility as a society.

Thank you Campino and all other Artists that raise their voices now. We know that verbalised, musicalised antisemitism is not justified in artistic freedom, youth culture or other ethically and morally questionable belittlements. I agree absolutely with the statement of Peter Maffay and deeply understand my colleague Klaus Voormann, with whom I had the pleasure to work occasionally, that he wants to send back his ECHO award.

This ECHO-scandal shows a horrible shift of our society. It paints a menacing picture that Farid Bang was celebrated for his antisemitic, misogynistic, homophobic hate lyrics with a frisky, dancing party crowd. Antisemitic hatred became socially acceptable again. We all have to stand up together now and warn the people “Beware of the beginnings!”

What happened at the ECHO awards is also a mirror of our society and we all carry responsibility for that. We have to discuss openly and confront the issue at hand.

It would be my pleasure to invite the two rappers to my studios and discuss from one musician to another what the limits of art are and at what point we overstep these boundaries unmistakably.

In my beloved “Colourful Republic” Germany, every refugee, that escaped to us has to have the same, equal right, a jewish child would have when it leaves the house with their kippa, because our society has no space for misogyny, homophobia or antisemitism.

Hence our credo: “No Tolerance for Intolerance!”

 

 

 

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